„Was haben wir denn letzte Woche gemacht?“ Klementina Schlegel steht im Physikraum am Pult und fragt in die Runde. Sie ist keine Lehrerin, sondern Oberstufenschülerin am Nürtinger Max-Planck-Gymnasium (MPG). Ihr gegenüber sitzen Dritt- und Viertklässler, Teilnehmer eines Bionik-Kurses. Mehrere Hände schnellen in die Höhe. „Wir haben einen Fisch gebastelt“, sagt ein Junge. Es sei um den sogenannten Fin-Ray-Effekt gegangen. Der nutze die Eigenschaft von Fischflossen. Sie knicken bei seitlichem Druck nicht weg, sondern wölben sich. Heute geht es darum, den Grundschülern zu zeigen, wie dieser Effekt bei Greifrobotern genutzt wird.
Klementina Schlegel ist eine von 15 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 1 am MPG, die im Rahmen eines Seminarkurses Angebote für die Hector-Kinderakademie machen. Das landesweite Förderprogramm richtet sich an besonders begabte Grundschülerinnen und Grundschüler. Aktuell sind 1536 Kinder aus 109 Schulen im Landkreis Esslingen gemeldet, die an 34 Orten Kurse besuchen können.
Dass ältere Schüler die Kurse halten, ist im Landkreis eine Art Pilotprojekt. Normalerweise seien pensionierte Lehrkräfte, angehende Lehrerinnen und Lehrer, Fachkräfte auf ihrem jeweiligen Gebiet wie Fotografen, Ernährungsberater, Informatiker, Museumspädagogen, Künstler oder Autoren Kursleiter, sagt Daniela Schmid, eine Leiterin der Hector-Kinderakademie Filder. Schon beim Mentorenprogramm „Balu und Du“, bei dem Elftklässlerinnen des MPG Grundschüler einzeln betreuen, sei das Interesse der älteren Schülerinnen groß gewesen, so die Abteilungsleiterin für die Kursstufe, Kristina Planer. „Die Schüler wollen aktiv etwas tun und nach außen wirken.“ Die auf den Physiker Max Planck zurückgehende naturwissenschaftliche Ausrichtung des Gymnasiums decke sich zudem mit dem Schwerpunkt der Hector-Kinderakademie. Die Idee, am MPG Hector-Kurse mit Seminarkursen zu verschmelzen, war geboren. Angeboten werden dort aktuell für Grundschüler aus dem ganzen Landkreis Esslingen außer dem Bionik-Kurs ein Pneumatik-Kurs sowie ein Kurs mit dem Titel „Räumliche Superkräfte entwickeln – neue Ansichten entstehen im Kopf“.
In Letzterem sitzen zwei ältere Schülerinnen an der Tafel und leiten die Gruppe an. Die Grundschüler sitzen mit geschlossenen Augen im Kreis. Konzentriert lauschen sie einer Stimme, die einen Buchstaben von verschiedenen Seiten beschreibt. Anschließend werden eifrig Würfel zusammengesteckt und viele „Us“ nach oben gestreckt. Fast alle Jungen und Mädchen sind dem richtigen Buchstaben auf die Spur gekommen.
Mit der Wahl eines Seminarkurses werden Elftklässler an wissenschaftliches Arbeiten, wie es etwa an Unis üblich ist, herangeführt, und sie sparen sich eine mündliche Prüfung im Abitur. Im ersten Halbjahr hätten sich die Schülerinnen und Schüler die Themen der Hector-Kurse inhaltlich erschlossen, so Kristina Planer. Erarbeitet würden die Kurse häufig von Doktoranden im Rahmen ihrer Promotion. Die fertigen „Pakete“ bekämen die Leiter der Kurse zur Verfügung gestellt. Evaluiert und wissenschaftlich begleitet würden die Kurse unter anderem vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Uni Tübingen, so Daniela Schmid. „Für den Kurs ‚Räumliche Superkräfte‘ haben die Schüler viel gebastelt, und sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Kristina Planer. Geübt hätten sie auch, die Kurssituation zu simulieren, und gelernt, eine Gruppe anzuleiten. Entsprechend vorbereitet, steht im zweiten Schulhalbjahr der Praxisteil im Mittelpunkt. Achtmal kommen die Grundschüler zu den Hector-Kursen ans MPG.
In einem der Physikräume tüfteln Jungs an einem Pneumatik-Modell, welches das Öffnen einer Bustür simuliert. Schläuche müssen mit Ventilen verbunden werden. Die Elftklässler Jakob Balz, Konrad Beck und Mika Auer sind an Gruppentischen umringt von Grundschülern. Beim Drücken auf einen der beiden schwarzen Knöpfe tut sich nichts. „Irgendetwas ist nicht richtig“, sagt Mika Auer schmunzelnd. Wieder werden die Schläuche umgestöpselt und festgedrückt, nachdem die Grundschüler vergessen hatten, den Druckspeicher einzubauen. „Der Lerneffekt ist groß, wenn etwas erst nicht funktioniert“, sagt Matthias Kunle, Abteilungsleiter für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) am MPG. Während der Hector-Kurse wechselt er zwischen dem Pneumatik- und dem Bionik-Kurs, um bei Fragen der Elftklässler als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.
„Für die Schüler ist der Seminarkurs eine super Chance, etwas ganz Neues auszuprobieren“, sagt Schulleiterin Petra Notz. Durch die spezielle Kopplung mit der Hector-Kinderakademie stecke darin auch die Möglichkeit, sich in einem Beruf auszuprobieren. So könne man sich vorstellen, wie es sei, mit Kindern zu arbeiten, sagt die Elftklässlerin Elisa Ruff. Sina Aslandogan, selbst einst Hector-Kind, findet die Unterstützung der Teamkollegen gut, und Klementina Schlegel sagt: „Man erkennt, wie schwer das Leben als Lehrer ist.“ An diesem Freitag allerdings machen es ihr die Kinder leicht. Wieder ist ein Video zu Ende, mit dem sie den Grundschülern demonstriert hat, was Roboter alles können. Und wieder gehen mehrere Hände nach oben.
