Spuk in der Nürtinger Kreuzkirche
Schülermusical des MPG begeisterte die Zuschauer


Rund 250 Gäste erlebten in der restlos ausverkauften Kreuzkirche am vergangenen Donnerstagabend, dem 17. Mai, ein schaurig-amüsantes Musiktheater. Lehrerin und Leiterin der Theater-AG des Max-Planck-Gymnasiums Tordis-Arlett Nitsch begrüßte das Publikum und stimmte es auf die höchst unterhaltsame und kurzweilige Vorstellung ein. Zusammen mit ihren Musikkollegen Claudia Burkhardt (Gespensterchor und Solisten) und Florian Aißlinger (Kammerorchester) sowie Sportkollegin Sarah Ludwig (Tanz) präsentierte sie das Musical „Das Gespenst von Canterville“ mit der facettenreichen Musik von Johannes Matthias Michel. Frei nach der gleichnamigen Novelle von Oscar Wilde erzählten 96 Schülerinnen und Schüler auf der Bühne und im Orchester die Geschichte von Sir Simon, der als Gespenst auf dem Schloss der traditionsreichen britischen Familie Canterville sein Unwesen treibt und sich im Verlauf der Handlung mit neuen – ausgerechnet unerschrocken amerikanischen – Schlossbesitzern herumschlagen muss. Schon zu Beginn des Stücks, als Lord Arthur Canterville (in einer Doppelrolle: Florian Bahnmüller) seine Familie über den durch Geldnot motivierten Verkauf des Schlosses in Kenntnis setzt, zeigt sich, wie eng die Verbindung zwischen den adligen Bewohnern und ihrem Gespenst ist: Tochter Jennifer (vornehm: Clarissa Burkhardt) möchte den liebgewonnenen Geist am liebsten mitnehmen. Familienoberhaupt Lord Arthur Canterville hingegen glaubt, es gehöre zum Inventar, das mit dem Verkauf des Schlosses genauso in den Besitz der amerikanischen Familie übergegangen sei wie das antike Mobiliar. Als die Familie aus Übersee schließlich auf Schloss Canterville ankommt – stilecht rollen die Zwillinge Tom und Jessy Goodman (perfekt besetzt durch Ludwig und Clara Schaal) auf Heelys und mit Baseballkappen herein – plant der ältere Sohn Charly (Emil Rauscher) bereits die Vermarktung von Schloss und Gespenst.
Schüler Florian Bahnmüller, der bereits vor zwei Jahren in der Kinderoper des MPG in einer Hauptrolle geglänzt hatte, lief als Sir Simon, das Gespenst von Canterville, erneut zur schauspielerischen und gesanglichen Hochform auf: Er freut sich auf neue Spukopfer, warnt aber auch eindringlich vor der Entfernung des von ihm gehegten und gepflegten Blutflecks, der seine Bluttat von 1585 bezeugen soll. Der von ihm gestreuten Legende nach soll er damals seine verhasste Gemahlin brutal ermordet haben – unter anderem, weil sie eine schlechte Köchin gewesen sein soll. Womit Sir Simon aber so gar nicht gerechnet hat, ist die unverfrorene Respektlosigkeit der Amerikaner, insbesondere des konsumorientierten Charly Goodman, in dessen Rolle Emil Rauscher immer wieder für einen Lacher sorgte. Mit „Fleck-Weg“ bekommt er Sir Simons Fleck tatsächlich weg. Empört greift dieser zum Wasserfarbkasten und malt – auch nach den weiteren Fleckentfernungen – immer wieder einen neuen Blutfleck auf den Boden des Kaminzimmers. Seine Spukversuche jedoch scheitern kläglich an der Unerschrockenheit und Ignoranz der Familie des amerikanischen Botschafters (mit Bedacht und überzeugend gespielt von Nick Beuter), der ohnehin nicht an die Existenz von Gespenstern glaubt. Doch damit nicht genug: Statt sich in Angst und Schrecken versetzen zu lassen, malträtiert die Familie ihrerseits den ehrwürdigen Geist auch noch mit gutgemeinten Ratschlägen. So empfiehlt Charly Goodman die Verwendung eines speziellen Schmieröls gegen das nervige Rasseln der Ketten („Nur drei Tropfen, und Ihre Kette läuft wieder geräuschfrei!“) und hat das neueste Mittelchen gegen Schlafstörungen parat, während Mutter Clementine (Lea Gutekunst, glaubhaft schwankend zwischen besorgt und genervt) dem ungeliebten Mitbewohner gar psychische Störungen attestiert und ihm deshalb rät, einen Psychiater zu konsultieren. Selbst beim Gespensterchor – in Gesang, Mimik und Gestik besonders ausdrucksvoll – hat der berüchtigte Sir Simon deutlich an Ansehen verloren: Die Gespensterkollegen, die ihn einst bewundert und gefeiert hatten, haben nur noch Spott und Häme für ihn übrig. Sir Simons Gemütszustand wechselt spätestens jetzt von Empörung und Rachlust zu Verzweiflung und äußerster Niedergeschlagenheit. Die Stimmungswechsel im Stück wurden unterstrichen durch Genrewechsel in der Musik, die auch immer wieder den Gruselfaktor erhöhte und mit der Klangvielfalt von Florian Aißlingers beeindruckend spielendem Kammerorchester Akzente setzte. Der Unterstufenchor von Claudia Burkhardt überzeugte als sympathischer Gespensterchor durch seine bestens organisierten und höchst konzentrierten Auftritte und absoluter Textsicherheit, was angesichts der vielen unterschiedlichen Strophen der einzelnen Stücke und der hinzukommenden vielfältigen Choreographien für die jungen Sängerinnen und Sänger keine kleine Herausforderung war.
Der Fall Sir Simon kommt schließlich auch den Mitgliedern der Internationalen Gespenstervereinigung zu Ohren, die sich umgehend über den Fall beraten. Streiken, stellt sich schnell heraus, ist keine Option. Damit hätten die Amerikaner ja ihr Ziel erreicht. Und denen, da ist man sich einig, „graut vor nichts!“ Einzig mit einem Kompromiss sei ihnen beizukommen, denn „Amerikaner mögen keine Kompromisse!“ Mit einer pfiffigen Tanzeinlage, einstudiert von Sportlehrerin Sarah Ludwig, bringen schließlich einige der kleinen Geister Bewegung in den Gespensterkongress. Unterdessen versucht das Gespenst von Canterville weiterhin mit lust- und einfallslosen Aktionen, die allesamt erbärmlich sind, die ungeliebten Schlossbesitzer einzuschüchtern und ihnen wenigstens ein kleines bisschen Anerkennung abzuringen. Stattdessen drehen die unflätigen amerikanischen Zwillinge den Spieß um und schlagen ihrerseits mit dreisten Streichen und einer einfachen Geistermaske das echte Gespenst in die Flucht. Nur Tochter Samantha (besonders authentisch und bei ihrem Solo auch gesanglich überzeugend: Clara Zürcher) sympathisiert mit dem alten Geist und zeigt Mitleid. Ihr vertraut der Geist schließlich sogar an, dass der angebliche Mord an seiner Gattin in Wahrheit nur ein Unfall war. Als der arme Sir Simon am absoluten Tiefpunkt angelangt ist, naht plötzlich Hilfe in Gestalt der Gespensterkollegen. Sie berufen sich auf die „Genfer Gespensterkonvention“ und demonstrieren für mehr Rechte für Gespenster, als auch die ehemaligen Schlossbesitzer auftauchen. Sie sollen sich, gerufen von den Goodmans, des Problems auf dem Schloss annehmen. Lady Catherine Canterville (überzeugend gespielt von Charlotte Hausch) setzt also mit der ihr eigenen Autorität den Kompromiss eines friedlichen Zusammenlebens durch. So feiern Menschen und Gespenster am Ende eine große gemeinsame Party. Gefeiert wurde schließlich auch das gesamte Ensemble des MPG, das mit tosendem Beifall belohnt wurde. In weiteren Rollen spielten Anna Böpple (Gespenst), Emily Formann (Gespenst), Finja Remmers (Butler James; Gespenst), Pauline Ristow (gekonnt in Ohnmacht fallend: Haushälterin Rose), und Emily Theissler (als verwöhnte und gelangweilte Tochter Olivia Canterville; Gespenst).
Stolz auf die enorme Leistung ihrer engagierten Kollegen und Schüler, dankte Schulleiterin Petra Notz allen Mitwirkenden. Diese durften ihr Können auch am Folgetag noch einmal unter Beweis stellen. Am Freitagvormittag spielten sie eine zweite Vorstellung – dieses Mal für Schulklassen, die mit dem Musicalbesuch in die Pfingstferien starten durften. Wie viel Spaß den Schülerinnen und Schülern die Arbeit an dem Musical machte, war nicht nur während der Vorstellungen deutlich erkennbar. Schon bei den Vorbereitungen, insbesondere während der intensiven Probenwoche, waren sie mit großer Begeisterung dabei und wuchsen bei den Vorstellungen gar über sich hinaus. Mit Geschenken bedankten sie sich bei Florian Aißlinger, Claudia Burkhardt, Sarah Ludwig und Tordis-Arlett Nitsch, die den Schülerinnen und Schülern diese Entwicklungsmöglichkeit überhaupt erst gegeben hatten und damit erneut einen Beweis für die hervorragende Musikarbeit am MPG lieferten.