Das MPG braucht mehr Raum

Die neue Schulleiterin Petra Notz über Baupläne, das G8, die Bildungsreformen und Grundschulempfehlungen

Im vergangenen Sommer trat Petra Notz die Nachfolge von Ulrike Zimmermann als Schulleiterin des Max-Planck-Gymnasiums (MPG) an.
Nach einem guten halben Jahr spricht sie im NZInterview über das Ankommen an ihrer neuen Schule, die Bildungspolitik – und über die gerade diskutierten Pläne für eine neue Sporthalle für das MPG.

Frau Notz, Sie haben jetzt das erste halbe Jahr MPG hinter sich – ist die Schule schon ganz Ihre Schule?
Das ist eine gute Frage. Was mir auffällt: Wenn ich morgens herfahre, über die Neckarbrücke, und die Altstadt sehe, freue ich mich auf die Schule. Ich bin hier angekommen. Ich fühle mich, als wäre ich schon ewig da. Das MPG nimmt mich immer ganz ein. Man trifft auf engagierte
und wohlwollende Menschen, für die es ganz selbstverständlich ist, sich zu engagieren, ob im Elternbeirat, im MPG-Verein, in der SMV. Und es geht dabei immer um die Sache. Auch bei den Schülern. Das ist Engagement in Reinkultur. Das gab es an anderen Stationen nur in Einzelfällen. Und wenn, dann eher gegen gute Noten oder Zertifikate.
Das zeichnet Nürtingen aus. Wenn alle Arbeitskreise der SMV zum Beispiel bei mir am Tisch sitzen, dann merkt man, dass die ihr Amt mit großer Freude ausüben. Das ist ja auch mein Ding: Ich will Gestaltungsräume schaffen, die die Schüler dann ausfüllen. Wie beim Arbeitskreis Schulverschönerung. Da reifen Ideen, und da ist viel Bereitschaft zuzupacken. Das ist für mich typisch Nürtingen. Wie bei den Schülerpaten: Da haben sich zu viele gemeldet. Das ist ein Luxusproblem.

Wie hatten Sie die Schule im vergangenen Sommer denn angetroffen?
Ich habe eine toporganisierte Schule von meiner Vorgängerin übernommen, mit guter Informations- und Arbeitstruktur. Da kommt man dann leicht rein. So konnte ich mich gleich am Start auf die
Begegnungen mit Menschen konzentrieren.
Man spricht ja immer vom typischen MPG-Geist: Das ist wirklich so, ein positives Miteinander ist jedem sehr wichtig. Deshalb war es ein genialer Schritt, sich hier zu bewerben. Der Schachzug meines Lebens. Das liegt an der Schule und dem Menschenschlag hier. Ich bin halt ein Unterrichts-Fan, und das fehlt mir jetzt ein bisschen.

Eine neue Chefin hat immer auch eigene Vorstellungen? Was davon haben Sie schon umgesetzt?
Zentral ist, dass die Schüler immer im Mittelpunkt stehen. Die Schule ist für die Schüler da. Ich will da auch Freiräume im außerschulischen Bereich geben.
Von der SMV werden solche Freiräume zum Beispiel genutzt. Wir haben jetzt eine bisschen andere Arbeitsstruktur im Leitungsteam. Früher haben die Abteilungsleiter eher spezielle Themen bearbeitet.
Jetzt wollen wir die Aufgaben eher auf die Jahrgänge bezogen zuschneiden, da gibt es verschiedene Anforderungen.
Ich will Schule gestalten, weiterentwickeln, das Profil schärfen.
Ich will die Schule modernisieren, auch hinsichtlich der Technik in den Klassenräumen, mit moderner Präsentationstechnik. Neue Medien sollen ganz gezielt eingesetzt werden.

Das Thema Sporthalle ist essentiell für Ihre Schule . Zuletzt kam zum Bau einer anzumietenden Halle auf dem benachbarten Haubergelände eine kleine Dreifeld-Halle mit 200 Zuschauerplätzen auf dem nördlichen Schulhof ins Gespräch. Mit Medienzentrum und Mensa. Eine gute Alternative?
Inhaltlich auf jeden Fall. Aber welche Lösung wir bekommen, ist erst einmal zweitrangig. Wichtig ist: Wir haben über die Sporthalle hinaus weiteren Bedarf.
Es fehlen zum Beispiel Schülerarbeitsplätze. Herr Krüger (der Geschäfstführer der Gebäudewirtschaft Nürtingen, Anmerkung der Redaktion) hat ja im Gemeinderat auch aufgezeigt, wie man
zum Beispiel im Nordhof auch freie, überdachte Plätze schaffen kann. Man braucht Räume für die Schüler über die Klassenzimmer hinaus, zum Beispiel in einem Medienzentrum. Oder auch verschiedene
Sitzgruppen.
Die Schüler müssen mehr selbstverantwortlich lernen können, dafür
braucht es Räume, für das differenzierte Lernen. Und wir brauchen auch eine größere Mensa. Wir haben täglich über 100 Essen – die Mensa platzt aus allen Nähten. Und wenn man die alte Mensa auslagert, könnte man den Platz auch für die Ganztagesbetreuung nützen.
Es ist erstaunlich, dass es in der öffentlichen Diskussion bisher immer nur um die Sporthalle ging. Vielleicht, weil die auch die Vereine brauchen. Wir brauchen Raum, um die Schule zukunftsfähig zu machen. Wir müssen weg vom Klassenzimmer, weg von der Einstellung „Es tun immer alle dasselbe“.
So eine Art Medienzentrum fehlt. Gerade in der Jahrgangsstufe. Da gibt
es Freistunden. Und da kann es nicht sein, dass die dann im Blumenhaus (ein Café gegenüber, Anmerkung der Redaktion) sitzen müssen.
Für den Übergang werden wir jetzt erst einmal dafür einen Raum freischaufeln. Neben Medienzentrum und Schülerarbeitsraum fehlt auch ein Raum für Schülerversammlungen. Solche Versammlungen möchte
ich regelmäßig machen.

Auf dem Haubergelände könnte es laut Oberbürgermeister Otmar Heirich nächstes Jahr losgehen, auf dem Nordhof in drei bis vier Jahren. Aber das Medienzentrum war in der mittelfristigen Finanzplanung der Stadt eigentlich gar nicht aufgeführt:
Wiegen die Vorteile den späteren Baubeginn auf?

Bis in drei Jahren, das könnte man aushalten. Aber klar ist: umso früher, desto besser. Es geht auf jeden Fall um mehr als um die Sporthalle, wenn man eine moderne Schule sein will. Für mich sind so beide Lösungen denkbar.
Die Frage ist: Wie soll es weitergehen? Die nächsten 30 Jahre? Da ist die Verantwortung des Gemeinderats größer als meine. Das ist für die nächste Generation ganz wichtig.

Immer wieder ein Thema ist die Alternativlosigkeit zum G8-Turboabitur. In Nürtingen und dem näheren Umland gibt es kein G9-Gymnasium. Wenn Sie vor der Frage G9 oder G8 stünden und praktikable Alternativen hätten: Auf welche Schule würden Sie
Ihre eigenen Kinder schicken?

Nach den Erfahrungen mit meinen drei Kindern würde ich klar zum G8 tendieren. Ein normal begabtes Kind, das fleißig bleibt, macht da ein ganz gutes Abitur. Entscheidend ist das kontinuierliche Lernen und Organisieren. Das lernt man hier. Auch die Zahlen sprechen für das G8. Man ist früher fertig und hat Luxuszeit. Zum Beispiel für ein FSJ. Das sind Schritte zur Berufsorientierung, die nachher wieder Freiräume schaffen.
Das G8 ist kein Schreckgespenst. Es hat sich zurecht durchgesetzt. Der neue Bildungsplan trägt dem auch Rechnung. Das war vielleicht früher nicht ganz so glücklich.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagt, in den Prozess des lebenslangen Lernens passe das G8 ganz gut. Stimmt das?
Es tun sich ja auch am G8 Freiräume auf. Wir haben Leistungssportler hier am MPG. Oder hochbegabte Musiker. Die kriegen das G8 auch hin. Eine große Baustelle aber ist der Einbau von Unterstützungssystemen.
Bei manchen schaukeln sich fachliche Lücken auf. Die müssen wir auffangen. Zum Beispiel zwischen der zehnten Klasse und der Kursstufe.
Die Nahtstelle ist die Schwäche bisher. Fehler werden hier nicht mehr so leicht verziehen. Wir wollen eine Summerschool anbieten, um bewusst nachzuarbeiten.
Mit Misserfolgen verliert man ja auch Motivation, die Lücken werden größer. Da wollen wir rangehen.

Es wird jetzt wieder eine Abiturreform geben, die eine bessere Gewichtung nach Neigung, Talenten und späteren Plänen ermöglicht. Ist das sinnvoll?
Ja. Es betrifft die jetzigen Neuner, die 2021 Abitur machen. Bislang kann man in der Kursstufe nicht so richtig eigene Schwerpunkte setzen. Ich habe das an meinem eigenen Kind gesehen. Je nachdem kann ein verkürzter oder verlängerter Mathematik- oder Deutschkurs ein großer Gewinn sein, da Schüler nun ihrer Leistung und ihrem Interesse gemäß wählen können. Man kann dann je nach Neigung in den entsprechenden Kursen auch Platz schaffen für einen kreativen Umgang mit Sprache und Literatur zum Beispiel. Oder in Biologie mehr praktisch arbeiten, das geht gerade nur ansatzweise.
Die Schüler müssen Schwerpunkte setzen können, müssen sehen, wo
sie gut sind. Man soll sich wieder besser beruflich orientieren können durch die Reform. Stärken stärken, Schwächen besser decken. In der Struktur werden wir dann auf jeden Fall mehr Kooperationskurse mit anderen Schulen anbieten müssen. Aber das bekommen wir hin.

Wie wirkt sich der Wegfall der Verbindlichkeit der Schulempfehlung auf die Bildungslandschaft und speziell das MPG aus?
Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Auch Schüler mit einer abweichenden Schulempfehlung kriegen es ja hin auf dem Gymnasium. Es ist richtig, dass die Entscheidung nun bei den Eltern liegt. Das ist ihre Verantwortung. Sie bekommen eine sehr gute Empfehlung von den
Grundschullehrern. Soll davon abgewichen werden, müssen das die Eltern tun.
Es entstehen auch nicht so die großen Probleme, höchstens in Einzelfällen. Die Nürtinger Grundschullehrer beraten so gut, da gibt es in der Breite keine Überforderung.
Wir bieten ja auch Förderung an. Da können ja auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Gab es Krankheiten? Eine Scheidung der Eltern? Die Frage ist auch, ob die vierte Klasse die richtige Zeit für eine Aufteilung ist. Die Kinder sind doch unterschiedlich, da gibt es eine große Varianz. Die Realschule hat es schwieriger. Die müssen von unten und oben aufnehmen.

Was ist Ihre Vision für das MPG in zehn Jahren?
Das MPG in zehn Jahren bietet für die Schüler noch mehr Möglichkeiten, individuelle Schwerpunkte zu setzen. Das ist auch ein Zeichen der Zeit: Wir müssen je nach Begabung und Interessen Herausforderungen bieten. Auch über den normalen fachlichen Bereich hinaus. Im sozialen Bereich, in der Forschung.
Ich denke auch an die Entwicklung einer Schülerzeitung, oder an einen
Radiosender. Wir müssen da zusätzliche Angebote machen. Auch die Mädchen sollen speziell in den Naturwissenschaften gefördert werden. Es geht auch um das individuelle Lernen, das ist eines meiner Steckenpferde. Starken Schülern müssen auch Angebote gemacht werden. Die Schere geht sowieso auseinander. Das eigene Gestalten von Lernen und Arbeiten ist wichtig. Der Lernprozess soll so gestaltet werden, dass der Schüler für seinen eigenen Weg Verantwortung übernimmt. Es ist ein Mehrwert, wenn man die eigene Lernentwicklung reflektiert. Da können wir uns einiges von der Gemeinschaftsschule abschauen. Ja, und in zehn Jahren haben wir natürlich eine zusätzliche Sporthalle und auch moderne Technik.